Gastbeitrag von Dr. Thomas Gensicke: Die Werte der Jugend.

Die Jugend weiß, was sie will. Das zeigte einmal mehr die aktuelle Shell Jugendstudie von 2015. Es ist schon die siebzehnte seit 1953. Für sehr viele Jugendliche sind Freunde, die sie anerkennen und Partner, denen sie vertrauen können, besonders wichtig (89% und 85%). Etwas nachgeordnet, aber dennoch hoch bewertet wird das Familienleben. 72% finden es sehr wichtig. Viele meinen damit vor allem die Elternfamilie, in der die meisten Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren noch leben. Sie sind zufrieden mit ihrer häuslichen Situation und fühlen sich von ihren Eltern verstanden und gut behandelt. Deswegen kann für viele die Herkunfts-Familie auch zum Modell werden, wenn Jugendliche später in ihrem Leben eine eigene Familie gründen. Das geschieht allerdings immer noch recht spät. Im Durchschnitt gebären Frauen heute ihr erstes Kind mit ca. 30 Jahren. Nimmt man jedoch die Trends zusammen, die die Shell Jugendstudien und andere Studien nachgewiesen haben, könnte sich dieser Zeitpunkt in Zukunft auch wieder weiter nach vorn verschieben.

Familie ist zuerst ein Ort der emotionalen und sozialen Geborgenheit. In jener Generation, die der von heute vorausging, war das nicht in dem Maße der Fall. Es gab mehr Konflikte um Werte und die Art und Weise, wie das Leben am besten zu führen sei. Im weltweiten Vergleich erwiesen sich diese Probleme in den (westdeutschen) Familien als auffällig stark. Doch seit Mitte der 1990er-Jahre scheint dieser Generationenkonflikt verschwunden zu sein. Eltern und Jugendliche sind sich inzwischen wieder recht einig darüber, was im Leben wichtig ist. Deswegen kann heute die Familie ihre andere Aufgabe, kulturelle Werte an die nächste Generation weiterzugeben, wieder besser wahrnehmen. Man erkennt das daran, dass Jugendliche typische Werte unserer Kultur, wie Fleiß, Pflicht und Ordnung, die in den 1970er- und den 1980er-Jahren in der Kritik des Zeitgeistes standen, heute wieder stärker vertreten. Mehr noch: jene Jugendliche, die das Familienleben besonders schätzen, tragen dazu bei, dass jene Werte, auch deutsche Tugenden genannt, in der Jugend populär sind.

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Sehnsuchtsfeld: Geordnete Vielfalt.

Dieses neue kulturelle Selbstbewusstsein hat auch etwas mit dem internationalen Ansehen zu tun, das Deutschland, seit es wiedervereinigt ist, erlangt hat. Die Shell Jugendstudie zeigt, dass Jugendliche das Gewicht ihres Landes in der Welt hoch veranschlagen. Sie sehen Deutschland in einer Führungsrolle in Europa, wünschen sich aber auch, dass es dabei moderat und diplomatisch auftritt. Die Art, in der die Jugend von heute ihre Werte setzt und wie sie über die Rolle Deutschlands in Europa und der Welt denkt und fühlt, wäre für die vorige Generation (als sie jung war!) unannehmbar gewesen. Doch die neue Generation wächst unter anderen historischen Umständen auf. Die Befragten der aktuellen Shell Jugendstudie sind komplett im wiedervereinigten Deutschland geboren. Die Teilung des Landes als Resultat des Zweiten Weltkriegs, für ihre Vorgänger eine Realität, ist für sie nur noch eine Erzählung. Für manchen Beobachter scheint die Unbekümmertheit, mit der sich die Jugend von heute zu ihrer Heimat und ihren Werten bekennt, sogar Anlass zur Sorge zu sein.

Ist das berechtigt? Wichtig ist es, das gesamte Bild zu sehen. Denn die Jugend hat, seit sie die deutschen Tugenden wieder wichtiger findet, jene Werte nicht abgewertet, die die vorige Generation besonders schätzte. Wie diese will sie kreativ sein, ist tolerant und aufgeschlossen gegenüber der Vielfalt der Menschen und Kulturen (Grafik 2). Eigenverantwortung und Unabhängigkeit ist ihr besonders wichtig. Jugendliche finden es auch wieder wichtiger, sich zu engagieren, politisch, sozial und ökologisch. Und doch gibt es einen wichtigen Unterschied. Unter den geänderten Umständen wollen sie die Werte, die sich auf Individualität und die daraus erwachsende Vielfalt der Menschen beziehen, in den Rahmen einer verbindlichen Ordnung eingefügt wissen (Grafik 3). Geordnete Vielfalt ist eine Formel, die das ausdrückt. Darin zeigt sich auch eine politische Herausforderung, die sich mit der neuen Welle der Zuwanderung deutlich verstärkt hat. Die Werte der Jugend drücken die soziale Spannung zwischen Offenheit und Regulierung aus, die zunehmend damit verbunden ist.

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Jugend zeigt Vertrauen, aber nicht in die Politik.  

Die Jugend ist am besten darauf vorbereitet, mit dieser Spannung umzugehen. Von Kindheit an hat sie sich in Kindergarten und Schule an die Zuwanderung gewöhnt. Fordert sie Ordnung in der Vielfalt, verbindet sie das unter den Altersgruppen am wenigsten mit dem Hintergedanken, sich unter der Hand der ungeliebten Vielfalt wieder entledigen zu wollen. Das Verhältnis der Jugend zur Zuwanderung ist nicht ideologisch, sondern pragmatisch. Es gründet auf Praxis, deswegen ist es realistisch. Zuwanderer sind für sie weder bessere, noch schlechtere Menschen als Einheimische. Heute, wo die Bevölkerung Zuwanderung wieder negativer sieht, bleibt die Jugend jene Gruppe, die am wenigsten für pauschale Propaganda gegen Zuwanderung empfänglich ist. Immer mehr Jugendliche fühlen sich in ihrer Kultur (wieder) heimisch, aber für sie gehören dazu auch jene Menschen, die kulturell mehr oder weniger anders sind. Deswegen vertraut die Jugend auch in der aktuellen Situation darauf, dass die vielfältigen Mitbewohner weiterhin die bewährte Hausordnung respektieren.

Doch das Pragmatische der Jugend darf nicht mit dem kalten (zuweilen auch hilflosen) Pragmatismus der Politik verwechselt werden. Wie es sich gehört, ist auch ein kräftiger Schuss Idealismus dabei. Darin ist auch ein Vorschuss an Vertrauen eingeschlossen, den die Jugend den neuen Zuwanderern gewährt. Es ist schön zu beobachten, dass der neue Patriotismus der Jugend mit einem steigendem Interesse an Politik und Gesellschaft sowie mit steigender Bereitschaft zu politischem, sozialem und ökologischem Engagement einhergeht. Dennoch stehen Jugendliche den Parteien weiterhin distanziert gegenüber. Sie schätzen die politische Klasse als wenig fähig (und willens?) ein, die Probleme des Landes zu lösen. Vor allem aber entspricht die Art und Weise, wie sie handelt, kaum den Vorstellungen Jugendlicher an glaubwürdiges Engagement. Deswegen richtet sich das Bedürfnis Jugendlicher nach gesellschaftlichem Einsatz vor allem auf konkrete Hilfen für Bedürftige und auf den Naturschutz. Unter das zunehmende soziale Engagement Jugendlicher fällt auch das für die Zuwanderer.

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Die Wert-Haltungen der Jugend sind Ausblicke in die Zukunft.

Noch bis in die 1990er-Jahre hinein galt die Jugend als unzuverlässig und rebellisch. Das wurde ihr oft negativ angerechnet. Dennoch hat es ihr kaum etwas genutzt, dass sie sich inzwischen wieder an den Werten der gesellschaftlichen Normalität orientiert. Denn nunmehr wird sie, zumindest von denen, die sich zur geistigen Elite rechnen, als zu angepasst und deswegen als zu wenig wagemutig und kreativ eingeschätzt. Wie immer scheint es die Jugend, wie sie auch sei, niemandem recht machen zu können, jedenfalls nicht denen, die sich dazu berufen fühlen, moralisch über sie zu richten. Von den Pädagogen ist dabei am wenigsten Gerechtigkeit zu erwarten. Dass aber auch Manager der Wirtschaft, die bisher über die wirtschaftsferne Gesinnung der Jugend klagten, jetzt, da sich die Jugend der Arbeit und der Wirtschaft zugewendet hat, wieder an ihr herumkritteln, ist schon merkwürdig. Jugend ist Jugend: ihre Wert-Haltungen sind vor allem Ausblicke auf die Zukunft. Sie möchte ernst genommen werden und wünscht sich Unterstützung, um ihre Werte in die Praxis umzusetzen.

Dr. Thomas Gensicke, Jahrgang 1962, studierte Philosophie in Leipzig und arbeitete von 1991 bis 2000 als Forschungsreferent am Forschungsinstitut für Öffentliche Verwaltung bei der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer. Dort promovierte er bei dem Soziologen und Werteforscher Helmut Klages im Fach Staatswissenschaften. Er hatte verschiedene Lehraufträge an der Universität Koblenz-Landau, an der PH Karlsruhe und der Berufsakademie Mannheim. Von 2001 bis 2015 arbeitete er als Projektleiter bei TNS Infratest Sozialforschung München. Seitdem ist er als sozialwissenschaftlicher Forscher und Berater selbstständig tätig. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Werte- und Kulturforschung, Jugendforschung, Forschung über öffentliche Beteiligung und Ehrenamt (Zivilgesellschaft) sowie über die Besonderheiten der neuen Bundesländer. Er war als Co-Autor an den Shell-Jugendstudien 2002, 2006, 2010 und 2015 beteiligt.

 

Zum Nachlesen

Shell Deutschland (Hg.): JUGEND 2015. Eine pragmatische Generation im Aufbruch, Fischer Taschenbuch Verlag 2015. Dokumentation im Internet: http://www.shell.de/aboutshell/our-commitment/shell-youth-study-2015.html

Gensicke, T.: Generation Deutschland: eine gesamtdeutsche Jugend, erscheint 2016 in: Deutsche Jugend, Zeitschrift für Jugendarbeit, Beltz Verlag

Gensicke, T.: Die Wertorientierungen der Jugend 2002-2015, in: Shell Deutschland (Hg.) 2015, S. 237-272

Gensicke, T., Albert, M.: Die Welt und Deutschland – Deutschland und die Welt, in: Shell Deutschland (Hg.) 2015, S. 201-235