“Zeit für Freundschaft” – Interview mit dem Freundschaftspsychologen Dr. Wolfgang Krüger

Freundschaften sind das am häufigsten besprochene Thema, wenn es um den Wert “Gemeinschaft” – das zeigen die Ergebnisse des Werte-Index 2016. Dr. Wolfgang Krüger, Psychologe und Coach, setzt sich seit Jahren mit der Freundschaft auseinander. Im Interview mit www.werteindex.de spricht er darüber, warum Freundschaften immer wichtiger werden, welche Rolle die Technik dabei spielt und welche Freundschaft die allerwichtigste im Leben ist.

Herr Krüger, Sie sind Psychotherapeut und haben ein Buch zum Thema Freundschaft geschrieben. Welche Personen wenden sich an Sie?

An mich wenden sich vor allem Menschen mit einer Depression und Angststörungen. In meiner Therapie spielt das Thema Freundschaft immer eine besondere Rolle. Ich bin überzeugt, dass alle seelischen Probleme immer auch auf ein Defizit an Freundschaften zurück zu führen sind. Gelegentlich kommen aber auch Menschen, um Probleme in ihren Freundschaften aufzuarbeiten. Eher selten kommen Freundschaftspaare, um ihre Konflikte zu klären.

Wie haben sich Freundschaften in den letzten Jahrzehnten verändert? Welche gesellschaftlichen Veränderungen spielen dabei eine Rolle? Welche Rolle spielt dabei die digitale Vernetzung?

Freundschaften sind seit der Studentenbewegung erheblich wichtiger geworden. Die Bedeutung der Kernfamilie hat sehr abgenommen, Partnerschaften sind unsicherer, aber die Bedeutung von Freundschaften ist extrem gestiegen. Deshalb gibt es ein wesentlich größeres Interesse an der Kunst der Freundschaft. Die digitale Vernetzung wird überwiegend als Vorteil empfunden, gelegentlich geht dies aber – wenn man täglich mehr als zwei Stunden aktiv im Netz ist – auf Kosten der realen Freundschaften.

Was bedeuten diese Entwicklungen für den Einzelnen? Was für die Gesellschaft?

Diese Entwicklung bedeutet vor allem, dass eine soziale Öffnung angestrebt wird, wir wünschen feste Bindungen bei gleichzeitiger Autonomie. Das sind Freundschaften. Problematisch könnte das Thema Pflege werden. Bisher wird die Pflege weitgehend in der Familie mit hoher Aufopferung geleistet. Ob dies in Zukunft der Fall sein wird, ist fraglich. Ob Freundschaften diese Rolle teilweise übernehmen werden, ist kaum vorstellbar.

Wie können digitale Medien unsere Freundschaften verbessern?

Digitale Medien nutzen uns, indem wir Menschen kennenlernen. Dies ist vor allem bei der hohen Mobilität und dem Umzug in eine andere Stadt oder ein anderes Land wichtig. Sie sind auch zur Vernetzung und Pflege unserer Freundschaften wichtig. Ohne Internet, Handy und Skype wäre es heutzutage kaum möglich, die eigenen Freundschaften zu organisieren und zu pflegen. Wichtig ist aber bei den Herzensfreundschaften immer, den anderen auch zu sehen. Wir müssen zunächst fremde Menschen verstehen, sodass eine intensive Bindung entsteht. Altmodisch gesagt: Hier muss ein Herz zum Herzen finden. Und dies geschieht vor allem im Vieraugenkontakt. Dies kann das Internet unterstützen, aber nicht ersetzen. Insofern muss das Internet immer ein Hilfsmittel bleiben.

Es zeigt sich, dass durch das Internet Menschen zunehmend nur mit Gleichgesinnten und anderen Menschen, die ihnen ähnlich sind, zusammenkommen. Welche Auswirkungen hat dieser „Echokammer“-Effekt auf unsere sozialen Beziehungen?

Solche Echokammer-Phänomene gibt es auch in realen Leben. Es gibt Menschen, die sechs Mal in der Woche Tangotanzen, die mehrfach in der Woche in dem Radverein aktiv sind, sie sind in einem Verein für Miniatureisenbahnen usw. Oder man trifft immer nur Menschen aus der gleichen Gemeinde. Je ängstlicher Menschen sind, desto enger ist die soziale Breite ihrer Beziehungen. Dieser Filter mag bei Facebook-Beziehungen noch effektiver sein, aber ungewöhnlich ist er nicht. Grundsätzlich lernen wir aber durch Facebook oft Menschen kennen, die wir sonst nie treffen würden. Facebook ist normalerweise eher grenzüberschreitend.

Welche ganz praktischen Ratschläge gilt es beim Thema Freundschaft zu beachten?

Ich muss mir für Freundschaften Zeit nehmen. Freundschaften werden oft unterschätzt. Sie sind nur die kleine Schwester der Liebe. Wenn wir verliebt sind, eine Familie gründen oder Karriere machen, vernachlässigen wir sie leicht. Deshalb die Regel: Mindestens eine Stunde pro Woche Zeit für einen Freund nehmen.

Das wichtigste ist jedoch die Freundschaft mit sich selbst. Wir müssen einen Zugang zu den eigenen Gefühlen, Affekten und Träumen finden, denn dies ist jener Resonanzboden, auf dem dann auch Freundschaften möglich sind. Freundschaften sind eine tiefe Begegnung, die erst durch diese Selbstbegegnung gelingen kann.

Wolfgang Krüger ist Psychotherapeut und Autor des Buchs „Wie man Freunde fürs Leben gewinnt: Vom Glück einer besonderen Beziehung“ (Herder, 2010). Der Arbeitsschwerpunkt des Tiefenpsychologen liegt in der Überwindung von Ängsten und Depressionen sowie der Aufarbeitung von Beziehungsschwierigkeiten. In zahlreichen Büchern, Vorträgen und Rundfunksendungen beschäftigt er mich vor allem mit Partnerschaftsproblemen. Sein Engagement ist von der Überzeugung getragen, dass trotz aller Probleme ‘die Liebe möglich ist’.