„Ein gemeinsam geschaffenes Gesundheitssystem.“ – Interview mit Halima Khan, Nesta (UK)

Gemeinsam mit ihren Kollegen Jessica Bland, John Loder, Tom Symons und Stian Westlake hat Halima Kahn einen Bericht für den britischen Think-Tank Nesta zum Gesundheitssystem der Zukunft herausgegeben. Zentral darin ist die partizipative Natur des Akteurs- und Wissensmanagements, die Gesundheit als eine durch, mit und für den Bürger sieht. Denn 2030 sind das Gesundheitssystem wir alle.

Frau Khan, ein Ausblick auf das Gesundheitssystem 2030: Was wird sich bis dahin geändert haben?

Blicken wir optimistisch in die Zukunft.

Pflege wird mehr von den Patienten selbst und ihren Gemeinschaften übernommen, Menschen helfen einander und Klinikärzte unterstützen sie dabei. In der Praxis werden Arzttermine ganz anders ablaufen, besonders für Patienten mit chronischen Krankheiten. Termine mit dem Hausarzt werden von Ärzten und Patienten als Chance wahrgenommen, gemeinsam ein Pflegeprogramm auszuarbeiten. Die Aufgabe des Arztes wird es sein, dem Patienten beim Navigieren durch das Gesundheitssystem und bei der Wahl der Behandlungsmethoden zu helfen.

Wir werden bis dahin gelernt haben, die Masse an Daten auszuwerten, die dank neuer Technologien und existierender Systeme auf uns einprasselt. Das macht Pflege gezielter und proaktiver, was wiederum zu mehr Effizienz und besseren Resultaten führt. Daten, die Patienten selbst sammeln, etwa über Smartphones und tragbare Technologie, werden in die bestehenden Datenbanken der Gesundheitssysteme integriert, wodurch das Krankheitsbild eines Menschen präzise und dynamisch dargestellt werden kann.

Das Gesundheitssystem wird mit Veränderungen besser umgehen können und sich schnell an neue Gegebenheiten anpassen, um die obengenannten Chancen zu nutzen. Ärzte und Manager können neue Ideen in einem sicheren Umfeld und unter strengen Vorgaben testen. Die Resultate zeigen verlässlich, welche neuen Behandlungsmethoden am besten funktionieren. Wir werden das System auch verstärkt für natürliche Experimente nützen – zum Beispiel um den Erfolg von Spitälern, die Innovationen umsetzen mit jenen, die das nicht tun, direkt vergleichen zu können.

Eine Ihrer Leitideen ist People Powered Health. Worum geht es bei diesem Konzept?

Chronische Krankheiten stellen die größte Herausforderung für unser Gesundheitssystem dar. Die klinischen und psychosozialen Ergebnisse einer Behandlung werden aber ganz stark davon beeinflusst, wie Patienten 99% ihrer Zeit verbringen. Nämlich die Zeit, die sie nicht beim Arzt sind. Bei unserem Konzept sind Patienten nicht alleine, sondern Teil einer Gemeinschaft. Das hat große Vorteile: der Erfahrungsaustausch mit anderen Patienten; die Motivation, die man als Teil einer Gruppe spürt; Nachbarn bei einfachen Aufgaben um Hilfe bitten zu können. Dieses Potenzial auszunützen, und zwar gut koordiniert mit professionellen Fachkräften, ist vielleicht der Schlüssel zur Verbesserung unseres Gesundheitssystems.

People Powered Health bedeutet also:

  • Von den Menschen – Verstehen, wie diese Aktivitäten katalysiert und organisiert werden können.
  • Mit den Menschen – Gewährleisten, dass professionelle Gesundheitssysteme ihre Patienten verstehen und effektiv mit ihnen und ihren Gemeinschaften zusammenarbeiten.
  • Für die Menschen – Anerkennen, dass ärztliches Fachwissen immer noch erstrangig ist und dass Patienten Unterstützung dabei brauchen, Verantwortung für ihre eigene Gesundheit zu übernehmen.

Wie unterstützt dieses Gesundheits- und Pflegemodell die Patienten selbst?

  • Durch Peer Support – sowohl individuell für Menschen mit chronischen Leiden als auch als Modell, wie Gemeinschaften einander im Gesundheitsbereich unterstützen können. Die Finanzierung wäre weniger bürokratisch und auf lokale Aktivitäten abgestimmt. Zum Beispiel für Peer Support Netzwerke mit mehr als zehn Mitgliedern eine garantierte Förderung pro Person sowie Unterstützung durch eine ärztliche Fachkraft. Diese Netzwerke bieten praktisches Wissen über und Hilfestellungen für das Leben mit chronischen Krankheiten, wie sie es Hausärzte nicht können, da sie selbst nicht mit diesem Leiden leben und als Allgemeinmediziner die Fachkenntnisse nicht haben.
  • Durch neue Arten von Wissen und mehr allgemein zugängliches Wissen, das Aufschluss gibt über die Wirksamkeit von Behandlungsmethoden oder die Auswirkungen von Interventionen auf den Einzelnen oder das Gesundheitswesen im Gesamten.
  • Durch Werkzeuge zum Ändern von Gewohnheiten. Die gesunde Option soll die „Standardeinstellung“ unseres Verhaltens werden, nicht die Ausnahme. Wir können menschliche Fehler vorhersehen und bauen Systeme und Produkte, die uns helfen, sie zu korrigieren. Und auf diese Weise zum Beispiel Übertherapie, Unterversorgung oder Fehldiagnosen stoppen.
  • Durch eine Beziehung mit ärztlichen Fachkräften auf Augenhöhe – Entscheidungen werden mit den Menschen gemacht und nicht für sie, wenn es angebracht ist. Vor allem die Rolle der Hausärzte muss sich grundlegend ändern. Ihre Hauptaufgabe soll es sein, ihren Patienten dabei zu helfen, das Gesundheitssystem und ihre eigene Gesundheit besser zu verstehen.
  • Durch den stärkeren Einsatz von einer größeren Anzahl ehrenamtlicher Mitarbeiter in Spitälern. Es gibt Tätigkeiten, die von Ärzten oder Krankenschwestern nicht erwartet werden können – die aber doch essentiell für das Wohlbefinden der Patienten sind. Hierzu zählt vor allem der menschliche Kontakt. Wenn ehrenamtliche Mitarbeiter Aufgaben übernehmen wie Patienten von einem Behandlungsraum in den anderen begleiten oder ihnen Gesellschaft zu leisten, setzt das viele Ressourcen in unserem Gesundheitssystem frei.

Welche sozialen Veränderungen werden notwendig sein? Welche Rolle werden digitale Innovationen spielen?

Wir sehen die gegenseitige Unterstützung der Menschen als den wichtigsten Erfolgsfaktor. Damit das wirklich funktioniert, braucht es zusätzliche soziale Innovationen. Von Nesta unterstützte Programme zeigen, wie diese aussehen können:

Helping in Hospitals ist ein Projekt, die die Wichtigkeit von ehrenamtlichen Mitarbeitern im Spitalsbereich aufzeigt. Innovationen, die ehrenamtliche Arbeit fördern, werden notwendig sein um noch mehr Volontariatsplätze und neue Einsatzbereiche für Volontäre innerhalb des Gesundheitssystems zu schaffen.

Unser Projekt Casserole fördert soziale Kontakte und integriert ältere Menschen besser in ihre Gemeinschaften. Ich halte Ansätze wie diese für ganz essentiell, wenn Gemeinschaften eine wichtigere Rolle für Gesundheit und Wohlbefinden spielen sollen.

Der „Rebuilding Connections“-Social-Impact-Bond, den Nesta als Investor unterstützt hat, wird innovative Finanzierungs- und Bewertungsmodelle nutzen, um die Einsamkeit innerhalb der älteren Bevölkerung zu senken und um den genauen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und schlechter Gesundheit zu erforschen. Diese Kombination aus innovativen Services, Finanzierung und Evaluierung ist immens wichtig, um die weitreichenden sozialen Krankheitsfaktoren zu verstehen und gegen sie vorgehen zu können.

Technologie für Selbst-Monitoring schafft Frühwarnsysteme, mit denen man schnell erkennt, wenn sich die Symptome eines Patienten ändern. Das kann in traditionelle Gesundheitssysteme integriert werden. Digitale Innovationen unterstützen die Analyse und Interpretation der Daten, die wir durch neue Technologien erhalten und bieten Support für Präzisionsmedizin wie Behandlungsmethoden auf Basis genetischer Charakteristika.

Das Gesundheitssystem wird meist erst aktiv, wenn sich die ersten Krankheitssymptome zeigen. Welche Rolle spielt die Prävention bei „People-Powered Health“?

People Powered Health konzentriert sich auf die Prävention von Krankheiten, indem wir den Menschen mehr Kontrolle über ihre eigene Gesundheit geben. Dank der Verbesserung der Pflege jener Menschen, die bereits chronische Leiden haben – und die momentan unglaubliche Mengen an Ressourcen verbrauchen – machen wir zusätzliche Ressourcen für Prävention frei.

Selbst-Monitoring hilft, Probleme schneller zu erkennen und motiviert Menschen dazu, einen gesunden Lebensstil beizubehalten.

Im weiteren Sinne hat es sich People Powered Health auch zum Ziel gesetzt, die Zusammenarbeit mit öffentlichen Diensten wie etwa der Erwachsenenfürsorge zu verbessern. So erlangen wir mehr Einblick in die Verwendung öffentliche Gelder und erkennen sofort, wo der Mangel an Zusammenarbeit zu teuren Systemversagen führt, wie das etwa bei zeitlichen Vorgaben für die Spitalsentlassung von fürsorgebedürftigen Patienten der Fall ist.

Wenn wir mehr Daten sammeln und besser im Analysieren, Experimentieren und Evaluieren werden, bekommen wir ein genaueres Bild der sozialen Faktoren, von denen unsere Gesundheit abhängt. Wir können den Erfolg von Programmen für die bessere Integration älterer Menschen über einen langen Zeitraum evaluieren und erhalten Einsichten in den Zusammenhang von Einsamkeit und schlechter Gesundheit. Dies wiederum lässt uns Möglichkeiten identifizieren, wie wir dieses Problem aus dem Weg räumen können.

Welche sozialen, politischen und kulturellen Herausforderungen sehen Sie noch für das zukünftige Gesundheitsmodell?

Die Patienten in ihre eigene Pflege mehr einzubeziehen wird eine grundlegende Herausforderung für die Ärzteschaft. Für manche Ärzte wird das schwer kompatibel mit ihrem eigenen Berufsbild sein; für andere wird es kompliziert und riskant scheinen. Wir müssen daher begleitende Schulungen und Beratung gewährleisten.

Die Entscheidungsfreiheit der einzelnen ärztlichen Fachkräfte wird eine fundamentale Veränderung im öffentlichen Gesundheitssystem sein, das ja sehr hierarchisch aufgebaut ist. Es wird großes Vertrauen und die Unterstützung von spezialisierten Teams brauchen, um sichere und streng kontrollierte Tests zu garantieren.

Es gibt das politische Risiko, dass einzelne Minister einen Kontrollverlust fürchten oder die Verantwortung ganz abgeben wollen. Die Freiwilligkeit der neuen Patienten-Arzt-Beziehungen ist ganz essentiell, ebenso wie ganz klare Prozesse innerhalb des Systems, um Verantwortlichkeiten zu regeln.

Halima Khan ist Executive Director des Health Lab, einer neuen Initiative des britischen Think-Tanks Nesta mit dem Ziel einem Gesundheitssystem nach dem Prinzip „People-Powered Health“ näher zu kommen. Mit Innovatoren aus dem öffentlichen Sektor, der Zivilgesellschaft und Unternehmen entwickelt sie Strategien für eine gesunde, immer älter werdende Bevölkerung. Vor Nesta war Khan Vizedirektorin des britischen Cabinet Office, das die Regierungsarbeit unterstützt. Außerdem ist Khan Treuhänderin der NGO „Diabetes UK“.