“Wir müssen viel mehr an etwas glauben als wissen.” – Kai Gildhorn, Gründer von mundraub.org

Zunächst war mundraub.org eine bloße Plattform, auf der öffentlich zugängliche Obstbäume eingezeichnet werden konnten. Einer freien Ernte stand somit nichts mehr im Wege. Aus dem „Karten-Service“ hat sich mittlerweile ein ganzheitlicher Natur-Dienstleister für Unternehmen entwickelt. Kai Gildhorn, Gründer von mundraub.org, erzählt, wie das funktioniert.

Herr Gildhorn, im Kern von mundraub.org steht die Kartographierung von Obstbäumen, sodass jeder zur Ernte vorbeikommen kann. Aber eigentlich geht mundraub.org weit über ein bloßes „Karten-Service“ hinaus. Was alles ist mundraub.org? Was ist die Vision, was die Ziele von mundraub.org?

Das Kernprodukt unseres Unternehmens Terra Concordia ist die Plattform www.mundraub.org. Über unsere User und das User Feedback haben wir sehr viel über Kulturlandschaft gelernt. Mundraub steht für Freude und Glück und um das Wissen, dass da draußen etwas wächst, zu dem ich problemlos Zugang habe. Mundraub.org spricht unseren archaischen Sammlerinstinkt an. Durch unsere Arbeit stellen sich natürlich viele Fragen. Wir werden zum Beispiel immer wieder konfrontiert mit der Frage, wer Obstbäume im öffentlichen Raum pflanzt, pflegt und schließlich besitzt. Oder warum viele Streuobstwiesen oder Obstbaumalleen nicht mehr gepflegt werden. Dann erfahren wir von Sehnsüchten der Menschen nach einer gesunden Landschaft und ihrem Wunsch nach Engagement in Gemeinschaft. All dies führt zu unseren Projekten und Geschäftsmodellen. Wir organisieren Erntecamps, produzieren Saft oder werten Ersatzmaßnahmen auf Streuobstwiesen für Unternehmen sozialökologisch auf. Unsere Vision heißt deshalb: Die essbare Landschaft entdecken und gemeinsam gestalten. Über das Entdecken kommt man zum Nachdenken und dann in die Aktion.

Wie hat sich das Verhältnis von Mensch und Natur verändert? Wie trägt mundraub.org diesem Wandel Rechnung? Inwiefern spielt Ihnen der aktuelle Zeitgeist des „Grünseins“, des „Authentischen + Sinnlichen” und der „Shareconomy“ in die Hände?

Ich glaube, dass die meisten Menschen eine große Sehnsucht nach Natur haben, denn sie haben den Bezug zu ihr verloren. Die aktuellen Wanderungsbewegungen vom Land in die Städte unterstreichen diese Annahme. Mundraub holt die Natur- oder man muss fairerweise sagen, die Kulturlandschaft – auf den Bildschirm oder das Smartphone. Wir haben ein Angebot geschaffen, welches den Menschen ein virtuelles Naturerlebnis schafft und zum echten Entdecken anregt. Wie weit wir von den natürlichen Rhythmen weg sind, skizziere ich Ihnen mal anhand einiger Anfragen an uns: ein Fernsehsender will mit uns im Mai Äpfel ernten gehen, ein Projektpartner Kirschen im Herbst oder es wird uns vorgeworfen, dass die Vögel in der Stadt nicht mehr zu fressen finden, wenn man die Obstbäume aberntet. Absurd, oder? Die meisten, die über Natur reden – mich eingeschlossen – wissen sehr wenig. Ja, die Trends spielen uns sicher in die Hände, obwohl ich sagen muss, dass von Sharing Economy und Urban Gardening bei unserer Gründung 2009 noch niemand hierzulande gehört hat. Ich sehe mundraub.org eher als Trendsetter, denn wir sind damals auf keinen Zug aufgesprungen und das Projekt ist einfach aus einer Laune heraus entstanden.

Mundraub.org setzt auf Kooperationen mit Unternehmen wie z. B. den Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz. Wie funktioniert so eine Zusammenarbeit?

Uns ist aufgefallen, dass flächenintensive Unternehmen (also solche, die Eingriffe in die Natur vornehmen), in der Vergangenheit häufig Streuobstwiesen als Ausgleichsmaßnahmen angelegt haben. Gut gepflegte Streuobstwiesen sind nicht nur sehr biodivers, sondern sie eignen sich hervorragend für soziale Projekte. So können Mitarbeiter der Unternehmen Teamtage durchführen oder Schulklassen Wandertage machen und etwas über Imkerei und Obstwiese als Lebensraum lernen. All das machen wir z.B. auf Streuobstwiesen von 50 Hertz. Schön ist dabei, dass die Mitarbeiter, welche im Büro sitzen, einen Bezug zur Tätigkeit des Unternehmens und zum Engagement bekommen. Natürlich verdienen wir damit auch Geld.

Welche anderen Ideen für und mit Unternehmen sind denkbar?

Wir wollen mit Infrastukturunternehmen zusammenarbeiten und diese zu Pionieren der Transformation machen. Das klingt etwas überdreht, aber ich meine damit konkret, dass diese Unternehmen ihre Streuobstwiesen für unsere Community öffnen – also Enabler werden und die oben angesprochenen Sehnsüchte erfüllen. Ich kann mir auch sehr gut ein crowdgesourctes Mundraub-Getränk vorstellen – ähnlich dem Bugaloo, den wir letztes Jahr für die Bundesgartenschau 2015 Havelregion hergestellt haben. Und weil Sie mich so konkret fragen: ich stelle mir hier Unternehmen vom Kaliber Deutsche Bahn oder Bionade vor.

Die Analyse des Werte-Index zeigt, dass umweltbewusstes Agieren aufgrund der hohen Komplexität der Thematik oft eine Herausforderung für den Einzelnen darstellt. Was sind Ihre Beobachtungen dazu?

Wenn man einen Apfel von einem öffentlichen Baum pflückt ist das erst mal umweltfreundlich. Denn dieser wurde nicht gespritzt, nicht von osteuropäischen Saisonkräften geerntet, die aus der Ukraine angereist sind, um dann erst per LKW in die Kühlhalle und später in den Supermarkt gefahren zu werden, um dann wiederum im beheizten Verkaufsraum feilgeboten zu werden, damit Menschen, welche mit SUV zum einkaufen fahren, ihn kaufen und zu Hause vergammeln zu lassen, ihn in den Biomüll werfen und … Aber die Sache hat einen Haken: der Mundraub-Apfel ist nur dann umweltfreundlich, wenn Sie mit dem Fahrrad dorthin fahren. Und wenn Sie noch etwas für die Vögel übrig lassen (siehe oben) Sie verstehen, was ich sagen möchte: es ist quasi unmöglich, auf der Basis von Daten und Analysen die richtigen Entscheidungen zu treffen, weil das Leben zu komplex geworden ist. Mundraub steht für Freiheit und Lust und für jedes gute Argument gibt es ein gutes Gegenargumente. Wir müssen heute anscheinend wieder viel mehr an etwas glauben, als wissen. Deshalb halten wir es mit Ludwig Wittgenstein: “Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.” Und lächeln.

mundraub.org will „weg von öffentlicher Förderung“ (Interview in der Zeit) und strebt eine Finanzierung auf dem freien Markt an. Was bieten Sie Unternehmen, die sich puncto Umwelt-Engagement an Sie wenden?

Wir sind die vitalste und größte Community im deutschsprachigen Raum, die sich mit Kulturlandschaft beschäftigt. Ich hatte weiter oben angesprochen, welche Unternehmenspartner aus welchen Branchen wir uns wünschen. Diese Unternehmen werden wir begeistern und mit ihnen gutes Geld verdienen. Wir werden flankierend auch einen Markt aufwirbeln, wo die Claims seit Jahrzehnten abgesteckt sind und wo es sich viele bequem gemacht haben. Dazu möchte ich aber öffentlich noch nichts sagen.

Kai Gildhorn ist geschäftsführender Gesellschafter von Terra Concordia gUG und Gründer von Mundraub. Kai Gildhorn ist Umweltingenieur und hat sein Handwerkszeug auf hoher See, bei Beratungsunternehmen und im Umfeld von Bundesministerien erlernt.