Manuela Rehn und Jörg Reuter: „Einfaches ist einfach, weil es einfach ist und nicht wenn jemand so tut als ob.“

Berlin steckt voller spannender Foodkonzepte – dort herauszustechen nicht ganz leicht. Jörg Reuter und Manuela Rehn ist es mit ihrem Laden „Vom Einfachen das Gute“ gelungen. Sie erzählen Werte-Index im Interview, warum Einfachheit heute wertvoll, aber nicht exklusiv sein darf und wie ihr Laden zu einem Ort für Gespräche in der Großstadt wird.

Was steckt hinter „Vom Einfachen das Gute“ konkret? Was zeichnet Eure Produkte aus?

Gut hat für uns einen doppelten Sinn. Gut im Sinne von kulinarisch gut, lecker. Und gut im Sinne von „verantwortungsvoll“. Letzteres ist für uns K.-o.- Kriterium in der Beschaffung. Die Kunden selbst sollen lecker kaufen und eine schöne Produkt-Produzentengeschichte dazubekommen. Diese kann der Kunde wiederum weitererzählen, wenn er möchte. Die Produkt-Produzentengeschichte beinhaltet aus unserer Sicht das Verantwortungsvolle, aber ohne erhobenen Zeigefinger.

Einfach ist für uns eine Lust. Wir haben beide wenig Verständnis für diesen Wahn in gehobenen Restaurants, die Speisen besonders kunstvoll anrichten. Was soll das? Das schafft an der falschen Stelle eine Ehrfurcht vor dem Essen. Ehrfurcht vor den Zutaten, das wäre richtig. Wir bevorzugen einen respektvollen Zugang zu den Rohstoffen und eine Herstellung in handwerklicher Präzision.
Eine richtig gut gemachte Himbeerkonfitüre ist das was wir wollen, keine mittelmäßige Himbeerkonfitüre mit Chili und Rosenblättern.

Deshalb übt auch der Schinken große Faszination auf uns aus, weil er im Grunde ein sehr sehr einfaches Lebensmittel ist, im Sinne von wenig verarbeitet. Es sind die handwerkliche Kunst und die Geduld, die einen Schinken zu einem kulinarischen Kunstwerk werden lassen. Wir haben mehr als 10 verschiedene Schinken, die alle aus dem gleichen Teil des Schweins bestehen und alle schmecken eigenständig. Das fasziniert uns. Der Schinken zeigt in höchstem Maße, was Naturbelassenheit bedeuten kann und wie edel das Ergebnis ist.

Welche Bedeutung bekommt der Wert „Einfachheit“ in Eurem Ladenkonzept, bzw. welche Werte stehen für Euch bei Eurer Idee im Vordergrund?

Einfachheit ist vieles. Es ist erstmal die Vorauswahl der Lebensmittel. Wurst, Schinken, Käse, Brot, Wein. Das sind für uns „einfache“ Lebensmittel. Einfachheit führt uns unmittelbar zu handwerklicher Exzellenz. Der sehr gute einfache Kochschinken, die sehr gute einfache grobe Leberwurst. Das sind handwerkliche Meisterstücke. “Einfach” heißt auch „möglichst naturbelassen, Respekt vor dem Ausgangsprodukt”.

Wie exklusiv ist Einfachheit heute?

Einfachheit darf nicht exklusiv sein! Einfachheit ist für alle. Dennoch haben wir einige Produkte, die es nur bei uns in Berlin gibt. Wir freuen uns dann über unsere Pionierleistung, haben aber keinen Anspruch auf Exklusivität.

Welche Rolle spielen Lokalität und Bio für Euch wenn es ums Essen geht?

Bio ist für uns ein Selbstverständnis, aber wir wissen auch, dass ein Bio-Lebensmittelprodukt nicht automatisch lecker ist. Wir streben einen möglichst großen Bio-Anteil an. Aber für uns muss z.B. ein umbrischer Kleinstproduzent keine Biozertifizierung haben, wenn wir selbst oder unser umbrischer Scout Marco die Tierhaltung vor Ort in Augenschein genommen haben. Auch ist Bio für uns nicht das Ende der Fahnenstange. Der überwiegende Teil unserer Bio-zertifizierten Lieferanten hält z.B. die Schweine im Freien, also richtig draußen, nicht nur mit einem betonierten Auslauf wie es die Bioverordnung vorschreibt. Lokalität finden wir gut, ist aber kein muss. Für uns zählt die emotionale Nähe mehr. z.B. Freunde von uns haben 200 km entfernt einen Demeter-Hof mit Beerenanbau. Klar nehmen wir deren Himbeermarmelade ins Sortiment (und schön: Es ist sowieso die beste die es gibt!)

Ihr wurdet in einem Artikel als „Ökostrategen“ bezeichnet. Wie zutreffend ist diese Bezeichnung für Euch? Was ist Eure Strategie?

Die Bezeichnung „Ökostrategen“ zielt wohl darauf ab, dass wir eigentlich Strategieberater bei Grüneköpfe Strategieberatung sind. Das ist somit natürlich Teil unserer eigenen Herkunftsgeschichte. Unsere Strategie für den Laden ist „Vom Einfachen das Gute“…. Der Laden ist von der Idee her komplett unabhängig von unserer Strategieberatung. In der Realität ist es nun aber so, dass wir gerade unglaublich viel vom Laden für unsere Beratungsarbeit lernen. Das Kundenfeedback zum Laden ist überwältigend. Der Laden ist so unerwartet zum Lab für Kundennähe und Gespräche geworden. “Märkte sind Gespräche“ schrieben vor 15 Jahren die Autoren des Cluetrain Manifestes. Und wir erkennen heute in vollem Umfang wie sehr das stimmt. Es ist wundervoll zu sehen wie diese Gespräche im Laden funktionieren. Es sind Gespräche über die Produkte aber auch die Kunden kommen und bringen uns ihre Lieblingsprodukte von außerhalb.

Welche Bedeutung hat die Rückkehr zu Handwerk und Hintergrundgeschichten bei der Ernährung?

Wir befinden uns am Beginn einer manufakturellen Revolution. Klassische Qualität im Sinne von „schmeckt“ und „ist irgendwie sicher“ ist zum Hygienefaktor geworden. Essen ist etwas viel sinnlicheres und es wir so viel über Essen geredet wie nie zuvor. Industriell hergestellte Nahrungsmittel sind aus dieser Perspektive einfach nicht wirklich sinnlich. Wenn heute über Lebensmittel gesprochen wird dann ist das immer öfter eine Produkt-Produzenten-Geschichte. Das funktioniert einfach mit einem klassischen A-Markenhersteller nicht wirklich gut. Was will man über Barilla-Nudeln erzählen? Wir beobachten amüsiert wie Werber das mit dem Beginn der manufakturellen Revolution erkannt haben und gerade optisch alles Richtung „crafted“ positionieren. Das ist aber am Ende eine Beleidigung intelligenter Kunden, die das durchschauen werden. Einfaches ist einfach weil es einfach ist. Crafted ist crafted, wenn es crafted ist und nicht wenn jemand so tut als ob.

Über die Köpfe hinter „Vom Einfachen das Gute“

Jörg Reuter, GreenProfit-Stratege. Mit grünem Herzblut arbeitet er seit mehr als 10 Jahren an der Verbindung von Nachhaltigkeit und Kundennutzen in Markenkonzepten. Hat auf Bauernhöfen gearbeitet und im Pyrenäenvorland Schafe gemolken. Er ist gefragter Referent in Deutschland, der Schweiz und Österreich zum Thema Nachhaltigkeitsstrategien. Nebenbei Einzelhändler zu sein erfüllt ihn mit Glück und Zufriedenheit. Er liebt Schinken in allen Facetten und dick belegte Leberwurststullen und salzig-mineralischen Riesling.

Manuela Rehn hat einen siebten Sinn für grüne Markttrends und erfolgreiche Markenpositionierungen. Sinnvolles für die Gesellschaft tun ist für sie keine Spinnerei, sondern das Businessmodell der Zukunft. Sie hat in einem Permakulturprojekt in Costa Rica und einer Orangutan-Auffangstation in Indonesien gearbeitet. Nebenbei Einzelhändlerin zu sein ist Herzenssache. Auch dort nutzt Manuela ihr phänomenales internationales Netzwerk. Liebt Portwein zu Stichelton und schokolierte Früchte.

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