Gastbeitrag von Prof. Norbert Bolz: Woher kommen die Werte?

Dass Menschen ihr Leben an Werten orientieren, ist nicht so selbstverständlich, wie man heute glaubt. Vor der Schwelle der Moderne gab es noch Dogmen über das Richtige, es gab Traditionen, die für eine ganze Kultur verbindlich waren, und es gab feste Vorstellungen über das Wesen des Menschen. All diese Sicherheiten und Sicherungen gibt es in der modernen Welt nicht mehr. Man hat das Nihilismus genannt und als „Werteverlust“ beklagt. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Die Moderne ist die Zeit der vielen Werte! Aber diese Werte konkurrieren miteinander; sie befinden sich nicht in einer starren Stellenordnung, sondern wandeln sich in der Zeit. Deshalb hat man schon vor 200 Jahren von Zeitgeist gesprochen. Und deshalb gibt es seit 50 Jahren Trendforschung. Den empirischen Kern der Trendforschung bildet der Werte-Index, der regelmäßig nachrechnet, wie sich die Positionen auf dem gesellschaftlichen Wertekarussell verändert haben.

Nietzsche hat diesen Kulturwandel als erster erkannt und den Menschen neu definiert: Der Mensch ist das schätzende, abschätzende, wertende, bewertende Wesen. Das wird heute eindrucksvoll bestätigt durch die Revolution, die der „I like“-Button (und neuerdings auch der „I care“-Button) in unserer Internet-Welt ausgelöst hat. Max Scheler hat dann Nietzsches Impuls aufgegriffen und eine materiale Wertethik entwickelt. Was davon für uns interessant ist, lässt sich ganz einfach sagen: Wenn man eine konkrete Liste von Werten aufstellt, wendet man sich entschieden gegen jede Form von Universalismus, vor allem gegen die rigorose Pflichtenethik Kants und seiner modernen Nachfolger. Max Schelers Wertehierarchie beginnt beim Nützlichen; darüber liegt das „Edle“ und darüber das „Geistige“; ganz an der Spitze steht dann das „Heilige“.

Das klingt heute natürlich altbacken, verstaubt. Aber achten wir einfach nur auf den Grundgedanken, der sich fast unverändert in Abraham Maslows Bedürfnispyramide findet. Auch der Bedürfnispyramide liegt eine Wertehierarchie zugrunde, die vom Lebensnotwendigen bis zur Selbsttranszendierung reicht. Und neuerdings hat die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum (im Anschluss an den Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen) eine Theorie der „Fähigkeiten“ entwickelt, die eigentlich auch nichts anderes als gelebte Werte sind (Sprachkompetenz, Bildung, Lebensstandard, Menschenrechte).

Doch wie bilden sich all diese Werte? Das lässt sich sehr klar beantworten. Werte entstehen gleichzeitig bottom up und top down.

  1. Bottom up. Am Anfang waren die Bedürfnisse. Unsere Gesellschaft hat es aber längst geschafft, diese Bedürfnisse dauerhaft zu befriedigen. Was uns seither auf die Märkte treibt (und diese Märkte antreibt), sind nicht mehr die Bedürfnisse, sondern Wünsche. In den letzten Jahrzehnten haben diese Wünsche ihre ursprüngliche Naivität (Rolex-Uhr, Sportwagen, Seychellen) verloren und sind „spiritueller“ geworden. Man spricht von Wünschen zweiter Ordnung – und genau hier entstehen die Werte bottom up. Gemeint ist: Wir wünschen nicht einfach nur, sondern wir wünschen uns „bessere Wünsche“. Und das ist möglich, weil wir uns selbst bewerten können. Wir können gegen die eigenen Vorlieben wählen, indem wir uns zu bestimmten Werten bekennen. Das ist der gute Sinn des Modeworts „commitment“.
  2. Top down. Menschen werden nicht nur von Bedürfnissen und Wünschen angetrieben, sondern auch von kulturellen Traditionen getragen und von religiösen Geboten im Zaum gehalten. Das gilt auch für Banausen und Atheisten. Wer etwa für die Menschenrechte eintritt, stellt sich damit in die Tradition christlicher Glaubensüberzeugungen. Werte wie Solidarität und Menschenwürde sind die Form, in der uns Religion und Tradition noch beherrschen, nachdem wir sie offiziell verabschiedet haben. Und es gibt noch eine letzte Quelle der Werte top down: die Phantasie für neue Ideen. Hier muss man sich vor allem klar machen, dass Ideen nichts mit Information zu tun haben. Big Data kann fast alles, aber nichts Neues.