Florian Siepert: “Jede Reise ist wie ein kleiner Live-Wikipediaeintrag und alle können etwas beitragen”

Florian Siepert ist Gründer der Reiseplattform OpenTrips. Im Interview mit www.werteindex.de sprach er mit uns über die Rolle des Wertes Gemeinschaft beim Reisen und warum dieser besser als gedacht zum Wunsch nach individuellen Erlebnissen passt.

Florian mit welcher Intention hast Du OpenTrips gegründet? Was unterscheidet Dein Angebot von anderen Reiseportalen? Warum sollte man unbedingt mit Dir eine Reise planen?

Wir bieten bei Opentrips eine Art Individualgruppenreise an: Jeder kann ungewöhnliche Reiseideen auf Opentrips.co.uk vorstellen, andere User ergänzen den Reiseplan um ihre Ideen und am Schluss arbeiten wir mit kleinen Reiseveranstaltern zusammen, die für die ganze Gruppe ein günstiges Angebot vorlegt.

Opentrips wird durch die Verbindung von zwei Ideen getragen. Erstens, und das kennt ja jeder, gibt es so viele Menschen, die mit ihrem Partner oder mit Freunden in Urlaub fahren und sich überhaupt nicht darauf einigen können, was sie unternehmen wollen: Der eine will am liebsten den ganzen Tag golfen, die zweite will lokale Kultur erleben und Menschen treffen, der dritte will wandern. Wir glauben, dass man Beziehungen auf anderer Ebene vom gemeinsamen Reisen entkoppeln kann, genau so wie viele Menschen zum Beispiel Freunde haben, mit denen sie nur zum Fußball gehen.

Die zweite Idee ist, dass Individualreisen absolut hervorragend sind, aber leider einen entscheidenden Nachteil haben: Die Kosten sind wesentlich höher als bei einer Pauschalreise. Ist ja auch klar: Reisekonzerne kaufen Kontingente mit Mengenrabatten, die sie zum Teil weitergeben. Und je individualistischer der Reisewunsch, desto stärker eskalieren die Kosten. Und so können wir individuelles Reisen demokratisieren: Indem wir dieselben Gruppenrabatte für unsere kleinen Ad Hoc Communities anstreben.

Welche ungewöhnlichen Reiseziele/Träume von Nutzern gab es bereits, die Dir in Erinnerung geblieben sind?

Im März, und darauf freue ich mich sehr, fahre ich mit einer Gruppe nach Taiwan, wo wir gemeinsam die lokale Streetfood-Szene entdecken wollen. Wir haben taiwanesische Köche mit dabei, die für uns übersetzen, uns zeigen, wie man handgezogene Nudeln herstellt, uns die besten Stände auf den Nachtmärkten zeigen, um Spezialitäten wie Little sausage wrapped in big sausage zu finden.

Aber genau so gibt es eine Gruppe, die in Kalifornien alle in den 1950er Jahren gebauten Concept Study Houses von Frank Lloyd Wright und anderen besichtigen möchte und dabei stilechte Martini-Parties feiern will. Oder eine Gruppe, die gemeinsam mit dem Rad über die Alpen fahren will, aber wie ein Tour de France Team, mit Begleitfahrzeug und Mechaniker. Nichts davon gibt es in einem Reisekatalog.

Eigentlich sind doch Individualreisen das große Ding – bei denen man als Gegenentwurf zum organisierten Massentourismus für sich bleibt und individuelle Interessen verfolgt. Bei Dir geht aber darum „likeminded people“, also Gleichgesinnte zusammenzubringen, mit einem gemeinsamen individuellen Interesse. Wie verträgt sich das miteinander?

Seit ich hier in London lebe, habe ich gelernt: So individuell bin ich selber gar nicht. Hier leben neun Millionen Menschen aus aller Welt, und es ist wunderbar, dass ich dabei auch einige finden kann, die genau meine Interessen teilen. Und im Internet wohnen natürlich noch viel mehr Menschen. Das heißt, ich muss unterscheiden zwischen allein reisen zu wollen, was ja völlig legitim ist, oder speziell reisen zu wollen.

Im zweiten Fall ist es ja auch super, wenn man die Möglichkeit hat, Erfahrungen, die einem selbst etwas bedeuten, mit Menschen teilen zu können, die eine geteilte Sicht haben. Ich habe mich gerade erst mit einer Opentrips-Kundin über Brutalismus in der Architektur unterhalten und wie schön das ist, mit jemandem vor einem kantigen Betonbau zu stehen, der das nicht wahnsinnig hässlich findet, sondern Details und Vergleichsbauten diskutieren möchte. Und dafür sind wir da.

Welche Rolle spielt bei OpenTrips neben der Lust Wissen anzureichern, der Wunsch nach gemeinsamen Erlebnissen? Was glaubst Du welche Rolle spielt der Wert Gemeinschaft heute?

Das gemeinsame Lernen durchs Reisen ist neben dem sozialen Aspekt der gemeinsamen Erlebnisse vielen Menschen wichtig. Und ich finde es schön, dass wir durch die gemeinsame Begeisterung eher many-to-many Wissensvermittlung als das one-to-many einzelner Reiseführer haben. Jede Reise ist wie ein kleiner Live-Wikipediaeintrag und alle können etwas beitragen.

Ich sehe den Gemeinschaftsbegriff als in Veränderung befindlich. Ich glaube, dass wir uns in Zukunft stärker über eine Vielzahl loserer, temporärerer Verbindungen definieren werden als über eine geringe Anzahl sehr starrer Verbindungen. Ich glaube, dass das auch ein sozial robusteres Modell ist.

Welche Bedeutung kommt der zunehmenden Digitalisierung und Virtualisierung unseres Alltags in diesem Kontext zu? Wie zutreffend ist für dich die Formel „use online to get offline“ bei OpenTrips?

Ich glaube, dass das ein ganz entscheidender Aspekt ist. Twitter zum Beispiel hat meine soziale Interaktion fundamental verändert. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine neue Freundschaft oder Geschäftsbeziehung dadurch beginne, dass ich jemandem auf Twitter folge, ist absurd hoch. Das ist ein so viel kleinerer Schritt als einen Fahrgast im Bus anzusprechen und zu sagen: “Du, ich habe zufällig gerade Dein Gespräch mitgehört, ich finde Deine Ansichten sehr spannend, kann ich bitte Deine Telefonnummer haben?”.

Opentrips nutzt das auch: Wir haben kein eigenes Nachrichtensystem auf der Seite, weil wir ja wissen: Die Leute können das schon woanders abdecken. Die zeigen sich Reisefotos auf Instagram und geben sich Empfehlungen auf Twitter. Wir sind, genau wie Du sagt, dafür zuständig, den Schritt ins gemeinsame Offline-Erlebnis zu facilitieren. “Small pieces loosely joined” von David Weinberger ist vor 12 Jahren erschienen, und die Realität reflektiert dieses Modell Jahr für Jahr mehr. Opentrips ist so ein small piece. Aber ein sehr hübsches.

Florian Siepert, 36, gründet gerne Firmen. Sein erstes Reiseunternehmen organisierte Tourneen für Gangster-Rapper. Das zweite bot gastronomische Nischenreisen an. Zwischenzeitlich beriet er Technologie-Startups in Deutschland und Großbritannien. Siepert gründete Opentrips gemeinsam mit Mike Kelly im März 2013. Er lebt in London.