“Eine gedankenbefreiende Uniform.” – Matilda Kahl, Art Director (USA)

Matilda Kahl, Art Director in der Werbeagentur Saatchi & Saatchi New York, trägt jeden Tag dasselbe Outfit – eine weiße Bluse mit schwarzer Schleife und eine schwarze Hose – zur Arbeit. Mit dieser simplen Entscheidung sorgte sie für einiges an Buzz in den Social Media. Mit werteindex.de sprach sie über ihre Entscheidung und wie diese ihr mehr Raum gibt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Frau Kahl, was hat Sie dazu motiviert eine Art Arbeitsuniform anzulegen?

In einem Satz: Ich wollte weniger Energie und Zeit für das, was ich trage, verbrauchen, um besser auf meine Arbeit zu fokussieren. Der Arbeitsplatz sollte ein Ort sein, an dem ich allein aufgrund meines Talents und meiner Kompetenz bewertet werde, etwas dem der Kleidungsaspekt im Weg stand.
Ich habe bemerkt, dass ich morgens viel mehr Zeit dafür verwende, mich für ein Outfit zu entscheiden als meine männlichen Kollegen. Tagsüber habe ich meine Entscheidung oft reevaluiert und mich gefragt, ob der Rock zu kurz für dieses Meeting ist oder ich „genug kreativ“ für einen Art Director aussehe. Eines Tages wurde mir bewusst, dass Kleidung nichts damit zu tun hat, wie gut ich in meinem Job bin – zumindest sollte es nichts damit zu tun haben. Und so habe ich mir gedacht, dass jeden Tag Dasselbe zu tragen nicht nur das Was-soll-ich-heute-tragen-Szenario beseitigt, sondern es auch meinem Arbeitsumfeld erleichtert, meine Arbeit zu sehen und nicht meinen Sinn für Mode zu bewerten.

In welcher Weise macht Ihr Kleidungsstil Ihren Alltag einfacher?

Jeden Tag Dasselbe zu tragen ändert Ihr Leben auf viele Weisen. So wie Sie sich in einem neuen Kleid auf einer Party besonders wohl fühlen, kann das Gegenteil im beruflichen Umfeld passieren, wenn Sie etwas tragen, das nicht das reflektiert was Sie sind oder was Sie sich von Ihrem Job erwarten. Vor der Uniform habe ich so viel Zeit dafür verwendet, ein Outfit auszusuchen, weil ich damit ausdrücken wollte, wie wichtig mir mein Job ist. Ich wollte auch kreativ aussehen, da es nun mal das ist, womit ich mein Geld verdiene. Doch dieser Fokus auf das äußere Erscheinungsbild hemmt einen leicht. Und das war der größte Antrieb, mich für die Uniform zu entscheiden. Ich wollte diese Blockaden durchbrechen und mich auf das Wesentliche konzentrieren – und es hat wirklich funktioniert. Jeden Tag Dasselbe zu tragen, lässt keinen Raum dafür, das eigene Outfit über den Tag in Frage zu stellen: Einmal nach Belieben ausgesucht, ist es einfach da. Es gibt nichts darüber nachzudenken. Genauso wenn Sie sich einmal für ein Auto entschieden haben, das Sie mögen, fahren Sie mit ihm jeden Morgen zur Arbeit.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf diese Entscheidung? Müssen Sie sich dafür rechtfertigen?

Ich freue mich darüber, dass dieses Thema überhaupt Interesse erweckt. Es gibt mir sehr viel und ich gebe sehr gerne meine positiven Erfahrungen an jeden, der neugierig ist, weiter. Ein wenig problematisch wird es allerdings dann, wenn manche glauben, dass ich möchte, dass jede Person in der Branche eine Uniform tragen soll – was offensichtlich nicht der Fall ist. Wenn jemand meinen Artikel auf Harpers Bazaar liest und denkt „Ich würde so etwas niemals machen wollen“, dann ist eine Uniform keine gute Idee für sie oder ihn. Selbstverständlich habe ich kein Problem damit. Ich möchte bloß, dass so eine Uniform eine sozial akzeptiere Option für Frauen ist, genauso wie Anzüge für Männer. Es hat so viele Vorteile und ich will, dass jeder Zugang zu diesen hat.

Hatte diese Entscheidung Vorbildwirkung?

Ich bekomme jeden Tag E-Mails von Personen mit Fotos von ihren Uniformen und wie diese ihr Leben verändert hat. Ich kann es kaum glauben, dass sich so viele mit dieser Thematik des Kleidens fürs Arbeiten identifizieren können; doch ich bin sehr glücklich, dass es mir möglich war, sie zu inspirieren.
[Anmerkung der Redaktion: Saatchi N.Y. hat zu ihren Ehren den 23. April 2015 zum „Dress Like Matilda Kahl Day deklariert – alle Mitarbeiter haben Matilda Kahls Uniform auf ihre eigene Weise interpretiert und zur Arbeit getragen. Quelle: http://adage.com/article/agency-news/saatchi-declares-april-23-matilda-kahl-day/298246/]

Möchten Sie nun weitere Bereiche Ihres Lebens nach diesem Prinzip vereinfachen?

Überraschenderweise bin ich weniger materialistisch geworden, seitdem ich mich für die Uniform entschieden habe. Ich hatte früher viel „Zeug“ zuhause. Das konnte alles Mögliche sein – von Brettspielen über Kleidung und iPads bis zu Dekorationsgegenständen. Doch heute will ich bloß ein einfaches Leben führen. Je weniger ablenkende Dinge mich umgeben, desto besser fühle ich mich. Wir leben in einer Welt, in der Konsum eine riesige Rolle spielt –und das von einer Person, die in der Werbung arbeitet.

Manchmal denke ich, dass wir vergessen haben, dass die Dinge, die wir besitzen, nicht mit uns verbunden sind. Sie sind bloß Gegenstände, mit denen wir gelernt haben, uns zu identifizieren. Also, um Ihre Frage zu beantworten, habe ich mich in letzter Zeit von sehr viel „Zeug“ entledigt. Mir ist bewusst geworden, dass ich nicht viel brauche, um glücklich zu sein.

Matilda Kahl ist eine schwedische Speakerin, Videofilmerin und Art Director bei Saatchi & Saatchi New York, wo sie für Marken wie Cheerios, Walmart und GLAAD arbeitet. Nachdem Abschluss ihrer Schulausbildung hat sie für sieben Monate in Südafrika als freiwillige Helferin AIDS-kranke Kinder in einer Tagesstätte betreut. Danach hat sie soziale Anthropologie an der Universität von Stockholm und Werbung in San Francisco studiert.

Credit Photo: Andrew Slough