Ein entspannter Zugang im Werte-Feld Familie. – Autorin Danielle Graf im Interview

Bildschirmfoto 2017-09-20 um 11.04.51Danielle Graf (rechts im Bild) schreibt gemeinsam mit Katja Seide (links im Bild) den Blog www.gewuenschtestes-wunschkind.de. Die beiden fanden sich gegenseitig im Internet, auf der Suche nach Rat und Hilfe mit ihren anspruchsvollen Babies. Aus dem Erfahrungsaustausch wurde eine Freundschaft, bald darauf ein Blog und 2017 das Buch „Das gewünschteste Wunschkind treibt mich in den Wahnsinn!“ in dem sie zeigen, wie sich der Weg durch schwierige Phasen mit dem Nachwuchs entspannter gestalten  kann.

Frau Graf, was hat Sie dazu bewegt, das Buch über das gewünschteste Wunschkind zu schreiben?

Wir schreiben seit mehreren Jahren einen Blog über beziehungs- und bindungsorientierte Elternschaft. Unser Artikel über die Autonomiephase ist darin einer der am häufigsten gelesenen, auf den wir sehr viel Resonanz bekommen haben. Wir können uns noch gut erinnern, wie angestrengt und hilflos wir selbst waren, als unsere Kinder mittendrin waren. Jetzt haben wir das Buch geschrieben, das wir damals selbst gebraucht hätten.

Unser Buch zeigt, dass die Autonomiephase ein wichtiger Entwicklungsschritt ist, bei dem es unseren Kindern nicht darum geht vorsätzlich zu provozieren oder ihren Willen durchzusetzen. Ihr Gehirn funktioniert einfach noch ganz anders, als das der Erwachsenen. Wenn wir diese neurobiologischen Zusammenhänge genauer kennen, fällt es uns viel leichter, unsere Kinder gelassen durch diese stürmische Phase zu begleiten.

Was ist neu und gut daran, heute Eltern zu sein? Und was ist neu und schlecht?

Bei der heutigen Erziehung stehen Kinder immer mehr im Fokus der Aufmerksamkeit. Während man früher Kinder eher „nebenbei“ bekam und erzog, ohne viel darüber nachzudenken, machen sich die meisten Eltern heute viel, viel mehr Gedanken. Das ist einerseits gut, weil die kindlichen Bedürfnisse immer mehr Beachtung finden. Das hat positive Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung. Andererseits führt die Konzentration auf die Kinder dazu, dass viele Eltern permanent das Gefühl haben, etwas falsch zu machen, zu wenig Zeit zu haben oder nicht gut genug zu sein.

Welche Werte prägen das Familienleben von jungen/frischen Eltern und ihrer Kinder? Welche Veränderungen beobachten Sie?

Die Erziehung der letzten Jahrzehnte zielte vor allem darauf ab, dass Kinder „funktionieren“. Heute setzen Eltern zunehmend auf Kooperation und die Abwägung der Bedürfnisse aller Familienmitglieder. Ihnen wird es immer wichtiger, ihren Kindern aufmerksam und respektvoll zu begegnen. Babys werden seltener schreien gelassen, damit sie schlafen lernen, denn mittlerweile wissen Eltern, dass das keineswegs die Lungen stärkt, sondern die Bindung beeinträchtigt. Trotzanfälle werden zunehmend liebevoll begleitet, statt die Kinder mit einem wütenden „Dann gehe ich eben ohne dich!“ einfach stehen zu lassen. Immer mehr Eltern hinterfragen, ob Erziehung durch strafende und belohnende Macht wirklich kindgerecht ist, weil sie die Erfahrung machen, dass diese oft zu Machtkämpfen führt.

Eltern bekommen von überall gesagt, wie man als Mutter oder Vater alles richtig macht. In der Praxis klappt es dann aber leider nicht. Inwiefern ist es für Eltern heute wirklich schwieriger geworden, so etwas wie „Erziehung“ angedeihen zu lassen?

Leider sind die Informationen, was bei der Erziehung „richtig“ ist, oft sehr widersprüchlich. Eltern haben die schwierige Aufgabe, eine riesige Flut an Informationen zu sortieren und für sich und ihre Familie zu bewerten. Was die Erziehung heute schwieriger macht, ist die Tatsache, dass Kinder kaum noch Gelegenheit haben, in altersgemischten Kindergruppen frei Draußen zu spielen. Das nimmt ihnen die Möglichkeit, wichtige soziale Kompetenzen außerhalb der elterlichen Sichtweite zu erwerben. Außerdem überlassen wir Kindern zu wenig Eigenverantwortung und überfordern sie gleichzeitig mit hohen Anforderungen und Erwartungen. Kinder sind heutzutage viel zu gestresst – weniger Zeit- und Leistungsdruck tragen auch zur Entspannung bei der Erziehung und im Familienleben bei.

Was sind Ihrer Ansicht nach drei „goldene Regeln“, um durch schwierige Zeiten mit dem Nachwuchs zu kommen?

1. Erwarten Sie nicht zu viel von Ihrem Kind. Wenn man sich mit der Entwicklung von Kindern beschäftigt, stellt man schnell fest, dass viele anstrengende Verhaltensweisen vollkommen altersgerecht sind.

2. Unterstellen Sie keine bösen Absichten. Wir sollten immer zunächst davon ausgehen, dass Kinder uns nicht absichtlich provozieren oder ärgern wollen. Manchmal können sie sich einfach nicht anders ausdrücken, manchmal haben sie ganz andere Absichten, als wir vermuten.

3. Schauen Sie hinter das Verhalten. Wenn Kinder tatsächlich provozieren, dann ist das ihre Form zu zeigen, dass es ihnen gerade nicht gut geht. Statt sie zu bestrafen sollten wir herausfinden, was das Problem ist – und es gemeinsam mit ihnen lösen.