Dominic Veken: „Werte dürfen keine Begriffshülsen sein, sondern müssen mit Inhalten und Aktionen gefüllt und definiert werden“

Dominic Veken ist Unternehmensphilosoph, Werte gehören zu seinem Tagesgeschäft. Mit seiner Agentur Glowbal berät und begleitet er Unternehmen und Marken auf dem Weg zu einer überzeugenden Wertkultur. Der ehemalige Kolle Rebbe Geschäftsführer erläutert im Interview mit Werte-Index die Rolle die Begeisterung heute für Unternehmen spielt, was ein Unternehmensphilosoph genau macht und warum Hingabe wichtiger als Selbstverwirklichung ist. Hier gibt es nun den ersten Teil des spannenden Gesprächs mit Herrn Veken.

Dominic, Du bezeichnest Dich selbst als Unternehmens-Philosoph. Wie definierst Du diese Berufsbezeichnung genau und was reizt Dich am Einsatz für Werte?

Auf jeder Unternehmenswebsite findet man heute die Rubrik „unsere Philosophie“. Was dort jedoch meistens steht ist ziemlich austauschbar, langweilig und wenig konkret. Ich habe Philosophie studiert und mir gedacht: Wenn es Unternehmens-Philosophien gibt, dann muss es auch Unternehmens-Philosophen geben, die dabei helfen diese Worthülsen mit Inhalt zu füllen und echte Identifikation und Überzeugung schaffen.

Welche Rolle spielen Werte Deiner Meinung nach in Unternehmen heute?

Ich finde den Wertbegriff schwierig, weil Werte immer extrem abstrakt sind. Wenn ein Unternehmen sagt, wir stehen für Konsequenz und Sympathie, dann ist dies wenig handlungsleitend. Es klingt gut, ist aber zu allgemein und letztendlich auch zu austauschbar. Niemand weiß, was das konkret bedeutet, es entfacht keine Begeisterung und bietet leider auch keine Orientierungs- und Handlungsfunktion. Treffender als der Wertebegriff ist es für mich, von einem „gemeinsamen Geist“ zu sprechen, der Unternehmen wie Gemeinschaften vereint. Bei der Fußballmannschaft oder dem Kegelklub nennt man das den „Spirit“. Genau den sollte es auch bei großen oder kleinen Unternehmen auch geben. Diesen „Spirit“ für alle Beteiligten bewusst zu machen, darin besteht die Funktion der Philosophie. Die Unternehmensphilosophie ist insofern der manifestierte Geist, der in einer Formel festgehaltene Geist des Unternehmens. Diesen „Geist“ gilt es, erst einmal zu verstehen und ausfindig zu machen.

Wie sieht die Arbeit als „Berater für Werte“ konkret aus? Du kommst ja als Externer nur temporär dazu. Werte müssen sich jedoch langfristig halten und von allem Beteiligten akzeptiert werden. Wie schaffst Du das?

Ich begebe mich zunächst auf die Suche nach dem Kern der Begeisterung des Unternehmens, seinem „Spirit“. Im Anschluss gebe ich diesem eine Formel, eine schriftlich festgehaltene Philosophie. Der dritte Schritt besteht darin, die Philosophie dann auch zum Leben zu erwecken und am Leben zu halten.

Du sprichst von „Geist“ und „Spirit“. Was stört Dich am Wertebegriff?

Der Wertebegriff ist wie gesagt mit verschiedenen Schwierigkeiten verbunden. Werte sind natürlich auch eine Manifestation von „Geist“, aber eine, die einen nicht wirklich animiert, die einen nicht beseelen kann. Deshalb spreche ich lieber vom Geist des Unternehmens – und wie man am Begriff schon sieht – ist da die Begeisterung nicht weit entfernt. Allerdings genügt es dann nicht, die Philosophie auf eine Tafel im Foyer der Firmenzentrale zu schreiben. Mein Ziel für Unternehmen ist es, eine Kultur der Begeisterung aufzubauen, die sich von normalen Floskeln unterscheidet und auch zielgerichteter und deutlich konkreter ist, als das, was der Wertebegriff nahegelegt.

Um mal ein paar Beispiele zu nennen, die ich mit Kunden gemeinsam entwickelt habe: bei der Otto Group ist der Geist „Die Kraft der Verantwortung“, beim Verlag Gräfe & Unzer kommt er als „Die Überraschungsmanufaktur“ zur Geltung,  für die Stiftung Alsterdorf lautet die Geist-Formel „Menschen sind unser Leben“ und bei der HSH Nordbank lautet die „Stark für Unternehmer“. Auch für die CDU haben wir 2009 für den Wahlkampf einen gemeinsamen Geist gefunden. Die Formel, die man letztendlich identifiziert muss ein bisschen wie ein Mantra funktionieren, das jeder Mitarbeiter, aber auch jeder Kunde nachempfinden und teilen kann. Sie muss den Unternehmenssinn auf den Punkt bringen und damit die Richtung vorgeben.

Welche Rolle spielt Begeisterung in diesem Kontext. Über das Thema hast Du ja ein ganzes Buch geschrieben.

Damals habe ich mich gefragt, wo Begeisterung in unserer Gesellschaft heute überhaupt stattfindet? So bin ich zu einer Theorie der Begeisterungszentren in der Gesellschaft gekommen. Die Hippie Flower-Power-Bewegung, die Mafia, Hells Angels oder die Harvard University, alle haben eine Art von gemeinsamen Spirit erzeugt, mit dem sich die Gemeinschaftsmitglieder hochgradig identifiziert haben und der den meisten Unternehmen heute fehlt. Deshalb geht es für mich darum, etwas Adäquates für und in den Unternehmen zu entdecken, um so ein Leuchten in den Augen der Mitarbeiter zu erzeugen.

Dabei definiere ich Begeisterung als „Teil von etwas Großem zu sein“. Das ist genau das, was mich antreibt. Jeder Mensch möchte Teil von etwas Großem sein. Leider ist es jedoch so, dass dieses Große in unserer Gesellschaft viel zu selten und viel zu wenig vermittelt wird. Es werden „To-do-Listen“ abgearbeitet, es werden unglaublich viele Anforderungen erfüllt, aber niemand weiß mehr große Wozu und Warum. Man begnügt sich mit Optimierung und Effizienzsteigerungen, „Teil von etwas Großem“ ist man nur noch ganz selten.

Nächste Woche folgt Teil 2, indem wir erfahren, warum Hingabe so wichtig ist und ob Werte und Werbung zusammenpassen.

Über Dominic Veken:
Der studierte Philosoph Dominic Veken gehört zu den führenden Strategieberatern in Deutschland. Er hat die CDU und Angela Merkel im Bundestagswahlkampf strategisch beraten. Er betreute die Marke Bionade seit ihrem Bekanntwerden. Und er hat die weltweite Unternehmensphilosophie der Otto Group entwickelt, für die er mit dem Deutschen Preis für Wirtschaftskommunikation ausgezeichnet wurde.

Dominic Veken hat über 500 Vorträge und Präsentationen sowie über 150 Workshops und Seminare durchgeführt. Als Geschäftsführer der Kreativagentur Kolle Rebbe war er am Gewinn mehrerer Dutzend Kommunikations-Awards wie Cannes Löwen, Effies, Clios und ADC Nägel beteiligt.

Dominic Veken ist Autor des Buches „Ab jetzt Begeisterung. Die Zukunft gehört den Idealisten“ (Murmann Verlag) und hat im März 2010 die kreative Strategieberatung „GLOWBAL transformation GmbH“ gegründet. Zudem hat er Lehraufträge für Unternehmensphilosophie an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen und an der Universität der Künste in Berlin.