Auf Spurensuche: Der Wunsch nach Transparenz verwandelt den POS in einen Point of Information

Konsumenten sind in den letzten Jahren zu Pfadfindern geworden. Im digitalen Zeitalter hat sich ihre Art Informationen zu beschaffen gewandelt. Ausgestattet mit mobilen Endgeräten und den richtigen Apps wird der Gang in den Supermarkt zur Reise zurück zu den Ursprüngen des Produktes. Hier, sofort und in Echtzeit sollen Angaben zu Herkunft, Herstellungsweise und Transport des Produktes verfügbar sein. Der POS wird zum Point of Information.

Was einst als Nischenphänomen begann, hat mittlerweile die großen deutschen LEHs erreicht. In UK hatte man natürlich, wie bei so einigen Innovationen im Lebensmitteleinzelhandel die Nase vorn. Inzwischen dürfen aber auch deutsche Konsumenten Codes scannen und auf Spurensuche ihrer Nahrung oder Kleidung gehen. Mit der Glaubwürdigkeit des deutschen Lebensmitteleinzelhandels könnte es jedoch durchaus besser bestellt sein. Eine Umfrage des EHI Retail Instituts unter Öffentlichkeitsabteilungen im Handel zeigt auf, dass die Reputation “schlechter ist als seine tatsächliche Leistung”. Als Folge bemüht sich der Handel um mehr Glaubwürdigkeit und Vertrauen und setzt unter anderem auf Tracking und Traceability, zu deutsch Rückverfolgbarkeit, um die Reputation aufzupolieren und den Ansprüchen souveräner Konsumenten gerecht zu werden. Tracking ist neben Lebensmitteln auch besonders in der Textilindustrie, die durch schlechte Arbeitsbedingungen für schlechte Schlagzeilen sorgt, ein Tool zur Reputationsgewinnung. Bei dm bietet der dm-Pfad-finder

Einblick darin, wo die Baumwolle für die ALANA Kindertextilien angebaut wird und wer das Kleidungsstück gefertigt hat. Über den Code im Etikett des Kleidungsstücks begibt sich der Käufer, wenn er möchte, auf Spurensuche. Ein Prinzip, dass Innovator Patagonia frühzeitig erkannt hat und über die Webseite mit den „footprint chronicles“ mit einem Überblick in die Lieferkette ermöglicht.

Bei Netto heißt es „Transparenz vom Feld bis zur Filiale“. Das gilt dort neben Produkten, bei denen über einen QR Code Zusatzinformationen ermittelt werden können, vor allem für die Kartoffeln. Mit der Kartoffel-Produktnummer lässt sich über ein Online-Archiv die Kartoffelbiografie recherchieren. Über Nutzung und Nachfrage des Service gibt es keine Zahlen.

Die Transportkette interessiert, auch wenn vielleicht die Kartoffel nicht grade zu den Lebensmitteln gehört, über deren Herkunft sich deutsche Verbraucher am meisten Gedanken machen. Transparenz und der Wunsch der Nachvollziehbarkeit ist der Erfolg von regionalen Produkten – da diese ohne Siegel-Wirrwarr rein theoretisch persönlich durch den Konsumenten auf Glaubwürdigkeit überprüft werden können. Tracking kann gerade für Produkte mit weiter Herkunft eine Möglichkeit darstellen, Nähe durch Information herzustellen. Transparenz darf jedoch kein reines Marketingversprechen sein, sondern sollte in Verbindung zu den Unternehmenswerten und der Strategie stehen, nur dann zahlt sich dieses Engagement auch aus.

Selbstverständlich ist es für Unternehmen eine Herausforderung Transparenz entlang der gesamten Lieferkette zu schaffen. Wem es jedoch frühzeitig gelingt, der erzeugt ein echtes Differenzierungskriterium. Für Frosta kam der Wandel vor rund 10 Jahren. Mit dem sogenannten „Frosta Reinheitsgebot“ verzichtet das Unternehmen seitdem nach eigenen Angaben in allen Frosta Produkten auf Zusatzstoffe und kennzeichnet alle verwendeten Zutaten zu 100 Prozent auf der Verpackung. Und auch Frosta setzt neuerdings auf Tracking. Seit einem Jahr haben Konsumenten die Möglichkeit über das Smartphone mit dem Zutatentracker direkt im Laden oder Zuhause über die Webseite die Herkunft mit einem Code nachzuvollziehen. Frosta antwortet mit diesem Service auf das wachsende Bedürfnis von Konsumenten die Zusammensetzung ihrer Produkte überprüfen zu können. Laut einer repräsentativen TNS-Infratest Befragung im Auftrag von Frosta ist die Herkunft von Lebensmitteln den Verbrauchern sehr wichtig: Über 70 % der Befragten möchten wissen, woher ihre Lebensmittel stammen.

Tatsächlich kann Transparenz auch der Grundstein eines neuen Unternehmens oder einer neuen Marke sein wie die Beispiele Fairnopoly und Followfish zeigen. Fairnopoly ist ein Online Marktplatz für faire Produkte und Dienstleistungen und soll als Genossenschaft eine Alternative zu herkömmlichen Online-Shops darstellen. In einem Interview mit der Südwest Presse erklärt der Gründer von Fairnopoly: “Der Kunde sieht immer nur das Endprodukt. Die große Geschichte aber wird nicht erzählt.” Auf der Website spiegelt sich die Philosophie auch in Bezug auf Zahlentransparenz wieder: z.B. durch Auskunft über die gerechte Bezahlung von Mitarbeitern, Einsicht in Steuererklärungen, Jahresabschlüsse bis hin zum Geschäftsbericht. „Ein Faires Unternehmensmodell, Förderung von verantwortungsvollem Konsum und ein Beitrag zu Korruptionsbekämpfung“ ist in der Kurzform das was Fairnopoly auszeichnet und damit ein Gegenstück zum bekannten Monopoly darstellt.

Followfish wiederum hat 2007 als neue Marke die Fischkategorie im Supermarkt durchgewirbelt und sieht sich selbst als die „NGO unter den Marken“, heißt: das Unternehmen sieht sich nicht als Marke, sondern eher als Bewegung, die „Transparenz, Nachhaltigkeit und wahren Geschmack“ miteinander vereinen wollen, wie es auf der Website heißt. „Folge dem wahren Geschmack“ wird übersetzt, indem alle Produkte die Produktionskette des Fischs nachvollziehbar machen. Dabei geht es ihnen nicht nur darum, das Nachhaltigkeitsversprechen einzulösen und überprüfbar zu machen, sondern auch den Lieferanten ein Gesicht zu geben. Followfish hat das Tracking-Prinzip zur Basis seines Versprechens gemacht. Wie ausschlaggebend dies für den Erfolg der Marke (oder Bewegung) war, erfahren wir hoffentlich im Interview mit Jürg Knoll, auf das wir sehr gespannt sind.