„Achtsamkeit in und für Familien“ – Interview mit Vereinbarkeitsexpertin Felicitas Richter

Die Deutschen leben immer seltener im Familienverbund, Frauen werden seit Jahren immer später schwanger, und die Anzahl der Kinder bleibt trotz aller Bemühungen der Familienpolitik seit Jahren auf dem europäischen Tiefststand. Gleichzeitig wird die Familie immer stärker zelebriert: Mütter werden begeisterte Bloggerinnen, Väter posten stolz Selfies mit dem Nachwuchs. Wenn Familie zu haben, so viel Spass bringt – warum gerät sie dann trotzdem in der Praxis immer wieder zu Zerreißprobe? Von der immer mehr Menschen auch öffentlich bekennen: “Geht alles gar nicht.”, wie das die Zeit-Redakteure Brost und Wefing in ihrem gleichnamigen Buch tun. Und manche gehen sogar so weit, von der “Alles-ist-möglich-Lüge” (Garssofsky, Sembach) zu sprechen.

Bei so viel Problemen freuen wir uns umso mehr über das Gespräch mit Felicitas Richter. Sie zeigt, wie Familie trotz aller Herausforderungen trotzdem gelingt. Und gibt ihr Wissen in ihrem Buch “Schluss mit dem Spagat. Wie Sie aufhören, sich zwischen Beruf und Familie zu zerreißen.” ganz praktisch weiter. Ihre auch in Buchform erschienene Erfolgsmethode »simple present« hat die studierte Dipl.-Sozialpädagogin aus ihrer eigenen Erfahrung und aus der Coaching- und Seminarpraxis heraus entwickelt – alles unter dem Motto „Vereinbarkeit ist kein Privatvergnügen. Zeit, darüber zu reden“.

Frau Richter, ist Familie heute schwieriger zu leben als früher? Wenn ja, inwiefern und warum?

Familie ist heute wesentlich vielfältiger geworden. Da gibt es die Familie mit Vater, Mutter und zwei eigenen Kindern ebenso wie die Patchwork-Familie mit Stiefeltern und Halbgeschwistern oder auch Familien, in denen die Kinder abwechselnd wochenweise bei den getrennten Eltern leben. Eine Herausforderung dabei ist, dass es nicht mehr die eine Variante gibt, wie Erwerbs- und Familienarbeit aufgeteilt werden, wie Familienphasen aufeinander folgen, wie Erziehungskonzepte gelebt werden. Familie muss heute von jedem Paar neu erfunden und ausgehandelt werden – und das manchmal mehrmals im Leben. Das ist anstrengend.

Was sind die größten Herausforderungen im Familienalltag? Wie kann ihnen begegnet werden?

Das Aushandeln „Wie wollen wir unsere Kinder erziehen? Wer arbeitet im Job und wie viel? Wer kümmert sich wann um Kinder und Haushalt?“ ist eine der größten Herausforderungen für Paare mit Kindern. Sie müssen für sich, in der Partnerschaft und für ihre Kinder einen gangbaren Weg suchen, für diesen ein Netzwerk schaffen und einen Arbeitgeber finden, der das mitträgt. Die Vorbilder in der eigenen Herkunftsfamilie taugen dafür oft nur bedingt. Junge Familien brauchen Unterstützung in diesen Aushandlungsprozessen – ob durch Coaching oder Wiedereinstiegsberatung.

Eine zweite Großaufgabe ist die Logistik der Familie: Termine müssen koordiniert, gerade auf dem Land die Kinder transportiert werden – zum Kieferorthopäden ebenso wie zum Kindergeburtstag. Unterstützende Angebote wie „Notfall-Omas“ gibt es häufig nur in größeren Städten. Die Infrastruktur ist für Familien und alte Menschen vielerorts ein Problem. Hierfür braucht es familienbewusste Konzepte der Strukturentwicklung an jedem Wohnort. Und eine dritte Herausforderung sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Familie braucht finanzielle Sicherheit und vor allem Anerkennung für ihre Leistung – nicht nur in politischen Statements, sondern mitten im Alltag.

Die Analyse für den Werte-Index 2016 zeigt, dass über Social Media über sehr glückliches Familienleben berichtet wird. Teilen Sie diese Beobachtung? Hat die Familie heute mehr Druck öffentlich repräsentativ zu sein? Welche Auswirkungen hat das auf Mütter und Väter?

Gerade Mütter haben sich schon immer schwer damit getan, über Schwierigkeiten innerhalb der Familie zu sprechen. Sie fühlen sich verantwortlich, wenn etwas nicht glatt läuft. In Seminaren höre ich immer wieder, wie enorm entlastend es sei, wenn sie plötzlich feststellen: „Den anderen geht es ja genau so.“ Dass vor allem die glückliche Seite des Familienlebens gezeigt wird, hat auch sein Gutes: Man entdeckt selbst mitten im Stress die glücklichen Momente – fotografiert, kommentiert und postet sie. Aber es kommt noch etwas dazu: Kinder zu bekommen, ist heute nicht mehr selbstverständlich, sondern in der Regel eine bewusste Entscheidung. Dass diese richtig war, muss immer wieder vor sich selbst, vor Freunden und Bekannten bestätigt werden. So werden eben lieber die Sonnenseiten präsentiert. Die Kehrseite: Durch die Veröffentlichung wird es schwerer, sich selbst und anderen gegenüber Probleme einzugestehen – dies wäre aber die Voraussetzung dafür, Hilfe zu suchen.

Des Weiteren zeigt die Analyse für den Werte-Index, dass die politischen Forderungen zurückgehen – dafür steht das Familienleben an sich im Mittelpunkt. Was sind Ihre Beobachtungen dazu?

In den vergangenen Jahren ist ja in Sachen Kinderbetreuung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf viel passiert – auch wenn wir längst noch nicht dort sind, wo wir alle gern wären. Ungerechtigkeiten werden zumindest diskutiert. Eltern sind viel mutiger geworden, mit dem Arbeitgeber zu verhandeln, damit Arbeitszeit und Familienzeit besser aufeinander abgestimmt werden. Eltern können allerdings nicht an allen Fronten kämpfen. Die begrenzten Ressourcen werden im Moment nicht in den Kampf für das große Ganze gesteckt, sondern eher in das Funktionieren des Familienlebens. Das hat der Kita-Streik gezeigt. Die meisten Eltern mussten einfach zusehen, wie sie in diesen Wochen hinsichtlich der Betreuung ihrer Kinder über die Runden kamen, auch wenn sie die Forderungen der Erzieher(innen) im Grunde meist unterstützt haben.

Welche familienpolitischen Maßnahmen würden Sie sich wünschen?

Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft Kinder nicht als Privatvergnügen ihrer Eltern betrachten (das wir finanziell „großmütig unterstützen“). Sondern dass wir verstehen, dass Kinderbetreuung, -bildung und -erziehung im Interesse der ganzen Gesellschaft sind und wir deshalb alle gemeinsam dafür aufkommen müssen. Das hieße zum Beispiel für die Familienpolitik: Qualitativ hochwertige und kostenfreie Kinderbetreuung sicherstellen, die kostenfreie Sozialversicherung der Kinder und eine einheitliche Kindergrundsicherung einführen.

Und was können Arbeitgeber und Unternehmen tun um Familie zu erleichtern?

Es gibt mittlerweile viele Arbeitgeber, die verstanden haben, dass gute Arbeit nur zu leisten ist, wenn Kinder oder zu pflegende Angehörige derweil gut versorgt. Sie suchen im Gespräch mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der Grundlage einer familienbewussten und lebensphasenorientierten Personalpolitik individuelle Lösungen, die das Team mitträgt. „Individuell passend“ heißt für den einen Gleitzeit, für die andere HomeOffice und für einen Dritten Jahresarbeitszeit. Das ändert sich auch immer wieder in den unterschiedlichen Lebensphasen. Es gibt deshalb Unternehmen, die alle zwei Jahre neu mit ihren Mitarbeitern eine Arbeitszeit aushandeln, die für beide Seiten passt.

Wie profitieren Unternehmen denn davon, wenn ihre Mitarbeiter eine ausgeglichene Balance zwischen Arbeit und Familie haben? Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter darin unterstützen?

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung hat den Nutzen familienbewusster Unternehmensführung errechnen lassen: Sehr familienbewusste Unternehmen haben gegenüber weniger familienorientierten deutlich bessere Kennzahlen. Die Mitarbeiter(innen) melden sich seltener krank (-39 %), sind wesentlich motivierter (+29 %) und produktiver (+23%). 1

Aber nicht nur das: Es profitieren nicht nur die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit Kindern – alle Beschäftigten in jeder Lebensphase profitieren von einer Unternehmenskultur, in der der ganze Mensch im Blick ist und nicht nur seine Arbeitskraft.

Auch Männer befinden sich zunehmend auch in der „Vereinbarkeitsfalle“ – was verändert sich dadurch?

Ich erlebe das immer wieder: Wir Frauen haben es uns gewünscht – unser eigenes Geld zu verdienen und einen Mann, der sich für Kinder und Haushalt mit engagiert. Jetzt, da Väter auch Verantwortung in diesen Bereichen übernehmen wollen, tun sich viele Frauen schwer, einen Teil ihrer Hoheitsansprüche abzutreten. Sie erklären ihren Partnern im Detail, wie sie mit dem Baby umzugehen oder die Wäsche zusammenzulegen haben. Das ist verständlich, war es doch jahrhundertelang die Domäne der Frau. Diese neue Aufgabenteilung macht Müttern und Vätern heute jedoch zusätzlich Stress. Hier müssen beide Seiten miteinander lernen, wie es gehen kann.

„Berufstätige Mütter“ brauchen Unterstützung – es gibt Wiedereinstiegsgespräche, Mutter-Kind-Kuren oder „WorkingMom“-Netzwerke. Die Bezeichnung „berufstätiger Vater“ müsste erst noch erfunden werden – und für ihn passgerechte Angebote, die ihn in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen. Das ist noch Neuland.

Felicitas Richter ist Autorin des Buchs „Schluss mit dem Spagat: Wie Sie aufhören, sich zwischen Familie und Beruf zu zerreißen“ (Südwest, 2015) und Expertin für Vereinbarkeit im Alltag. Als Speakerin, Trainerin, Autorin und Mutter von vier Kindern weiß sie aus eigener Erfahrung, wie anspruchsvoll, aber auch inspirierend das Leben mit Kindern und Beruf ist. So widmet sie sich seit vielen Jahren der Frage, was berufstätige Eltern für ein erfülltes Familienleben und Zufriedenheit im Job brauchen.

1 http://www.beruf-und-familie.de/system/cms/data/dl_data/cceec679f8b9d168cc4733118defb432/Kurzfassung_Unternehmensbefragung_2013.pdf